…Man könnte die Zeit nutzen, um zu beginnen, Dinge zu hinterfragen, die es ganz offensichtlich zu hinterfragen gilt. Meine Gedanken zur aktuellen Situation einer selbstausbeuterischen Branche.

Die Gastronomie kommt weltweit ins straucheln und schon jetzt ist absehbar, dass es einige nicht schaffen werden ihren Kahn vor dem Kentern zu bewahren. Das ist frustrierend und traurig, vor allem für diejenigen, die darunter leiden müssen: die Angestellten – vom Restaurantleiter bis hin zum Spüler – aber auch der Inhaber selbst und meist noch seine Familienangehörigen. Sei es nicht nur finanziell, sondern auch auf Grund von persönlichem Zweifel, Zukunftsängsten oder Hilflosigkeit.

Aber die aktuelle Situation der Gastronomie in Deutschland, wie auch weltweit, zeigt nicht auf, dass wir als Gastronomen schlecht wirtschaften – es schwemmt meines Erachtens einen ganz klaren systemischen Fehler an die Oberfläche. Es wird derzeit so deutlich wie nie, was die Gastronomie und der Lebensmitteleinzelhandel seit Jahren beklagen – vor allem hier in Deutschland: Es wird zu wenig für Lebensmittel und menschliche Serviceleistungen ausgegeben! (Ein Problem das man auch in der Pflege und im Gesundheitswesen beobachten kann.) 

Es wird verlangt zu Dumpingpreisen Waren und Dienstleistungen anzubieten, die in keiner wirtschaftlichen Relation zu anderen Waren und Dienstleistungen aus anderen Branchen stehen: Mittagslunch unter 10€ – aber der Teller muss voll sein und am besten noch mit Vorspeisensalat/-suppe und kleinem Dessert – und dann auch noch inkl. 19% Mwst. – wer rechnerisch halbwegs begabt ist, wird bei Berücksichtigung aller laufenden Kosten der Gastronomie schnell darauf kommen, dass unter dem schwarzen Strich eine mickrige schwarze Zahl herauskommt, für die Geschäftsführer in anderen Branchen nicht mal aus dem weich gefederten Bett aufstehen würden – legt man den täglichen Stress mit auf die Waagschale, dann wohl erst recht nicht – womit ich nicht sagen möchte, dass andere Jobs nicht auch stressig sind.

Als eigenständig wirtschaftender Gastronom ist es – was jetzt ganz offenkundig wird – schlichtweg nicht möglich, Rücklagen für schlechte Zeiten in der Höhe zu bilden, wie es beispielsweise Finanz- und Automobilriesen oder der Textilindustrie gelingt – die sich dann auch noch einer Mietfortzahlung im Ausnahmezustand verweigern.

So sehr wie alle Welt gerade die Gastronomie – und das ist wirklich eine großartige Form der Solidarität – in Form von Gutscheinkäufen oder ähnlichem unterstützt, sollte uns meiner bescheidenen Meinung nach, die aktuelle Situation nicht nur zusammenrutschen lassen, sondern eben auch einen Denkanstoß geben, was wir (Gastronom & Kunde) denn eigentlich genau von einander wollen und zu welchem Preis. Vielleicht stellt man sich die Frage, ob wir denn soviel Gastronomie überhaupt brauchen. Dass heißt, ob es eine Art der Verpflegungs-Gastronomie braucht, die zu Ungunsten aller Beteiligten (Tierwohl / Mitarbeiter / Umwelt / Wirtschaftlichkeit) arbeitet, um uns Konsumenten eine Freiheit zu ermöglichen, die wir uns nicht leisten können, aber wollen.

Es stellt sich auch die Frage, ob es weiterhin heißen soll und kann: “Wer nichts wird, wird Wirt.” – Offenkundig stellen es sich immer noch viele Menschen einfach vor eine Gastronomie zu betreiben und sehen nur die Vorteile (welche auch immer das sein mögen) – und weniger die gesellschaftliche und unternehmerische Verantwortung!

Vielleicht sollten wir etwas mehr betriebswirtschaftliches Know-how und Kompetenz in Personalführung voraussetzen, bevor jeder/jede eine Gastronomie führen kann. Ein Positives hat das Ganze jedoch – vielleicht sehen jetzt auch die Blindesten, dass es mehr braucht, eine erfolgreiche Gastronomie zu führen, als das kleine Einmaleins und den Wunsch im eigenen Café sein eigener Herr/Frau zu sein.

Ich habe versucht, mich in dieser Publikation so diplomatisch wie möglich, aber eben auch nur wie notwendig auszudrücken, um aktuell gereizte Gemüter nicht weiter zu erregen oder einen Groll auf mich zu ziehen –  ich stelle lediglich Fragen und Fakten in den Vordergrund, die mehr als offenkundig sind und in der breiten Masse diskutiert werden. Ich möchte mit diesem Text zu einer offenen Diskussion zu eben diesen Themen anregen, die mir so wichtig sind, wie hoffentlich vielen von euch auch.

Denn wie wir alle wissen, trägt die Gastronomie nicht nur zu einem guten Teil der wirtschaftlichen Gesamtleistung eines jeden Landes bei, sondern ist Teil des Charakters einer jeden Stadt, eines jeden Dorfes oder Stadtteil und unverzichtbar für ein geselliges Miteinander – vor allem nach der Tristesse der heutigen Tage.