Oma hatte recht!

Meine Oma hat früher, als ich noch sehr jung war, immer wenn wir Essen gingen kleine Töpfchen in ihrer Handtasche gehabt (später dann Tupperware), um die Reste ihres Tellers oder vom Buffet mit nach Hause zu nehmen. Mir war das immer furchtbar peinlich. Zur Entschuldigung – meine Oma ist 1920 geboren, mittlerweile 96 Jahre auf dieser verkorksten Welt und somit ein Kriegskind. Und ich glaube, wir können uns nicht im geringsten Vorstellen, was Hunger bedeutet und warum es daher nicht peinlich ist, genießbare Lebensmittel vom eigenen Teller mit nach Hause zunehmen!

Ihr ging es nicht um die Tatsache, dass sie das gesamte Gericht bezahlt hat und es sie damit dazu berechtigt, sich die Reste einzupacken, sondern die Tatsache Lebensmittel wegzuschmeißen, die a) noch gut waren und b) noch Menschen ernähren konnten… und c) Zeit daheim sparte, da man es nur noch mal erwärmen und nichts neues kochen musste.

Meine Jahrzehnte der Eitelkeit sind wohl langsam vorüber – zumindest was das Essen anbelangt – und auch ohne, dass ich Hunger leide oder jemals tatsächlich gelitten habe, verstehe ich nun langsam, das Handeln meiner Oma.

Mit umso mehr Argwohn betrachte ich nun mehr und mehr zum einen mein persönliches Handeln und das Handeln der Gesellschaft, wenn es darum geht, wie sorglos und unachtsam mit Lebensmitteln umgegangen wird. Wie, mit Verlaub, arrogant fast volle Teller im Restaurant zurück in die Küche gehen, weil man sich beim Ordern übernommen hat. Wie Dinge, die nicht mehr ganz so hübsch aber fast noch genauso nahrhaft sind wie eh und jäh, in unseren Augen aber ihre Attraktivität verloren haben und achtlos entsorgt werden.

Wir wettern über die großen Unternehmen und ihre Wegwerf-Moral oder Anti-Moral, doch sind wir Verbraucher nicht die, die entscheiden, wann im Supermarkt etwas weggeworfen wird? Entscheiden nicht wir mit unserem Griff ins Gemüseregal, was ästhetisch aussieht und was nicht? Und sind nicht wir Verbraucher diejenigen, die sich im Kaufrausch die Körbe voll machen und am Ende große Teile entsorgen, weil sie falsch gelagert wurden oder schlichtweg nicht während eines gewissen Zeitraumes verbraucht wurden?

Ich könnte noch ein wenig weitermachen hinsichtlich unseres Fehlverhaltens bei der Planung des Einkaufs, dem Einkauf selbst, der Warenhaltung und der Sensibilität gegenüber der Mindesthaltbarkeitsdaten, denen wir aus mangels an Vertrauen gegenüber unserem Riech- und Schmeckorgan folgen, als wären es feststehende physikalische Gesetze, wie die Gravitation.

Ich möchte hier keinesfalls die großen Ketten in Schutz nehmen, allerdings darauf hinweisen, dass vor jeder Haustüre auch immer schon ein kleines Häufchen wartet, das zusammen gekehrt werden muss.

Ich möchte nur darauf hinweisen, dass wir jeden Tag scheiße viel wegschmeißen und ich das irgendwie so gar nicht in Ordnung finde.

Danke fürs Lesen

Und schaut mal in euren Kühlschrank… vielleicht fällt euch noch eine kleine schrumpelige Karotte entgegen, die heute unbedingt noch gegessen werden sollte…

Ich bin derweil vor der Haustüre und geh mit gutem Beispiel voran!

 

Schönen Sonntag!

Euer Vince