…aber eine Geschichte, die um die Weihnachtszeit spielt.

Otto stand vor dem Eingang seines Lieblingsmetzgers und hielt einen Moment inne –  er hatte gefurzt und wollte noch etwas Luft verstreichen lassen, bevor er eintrat. Ja, so selbstlos war er. Lieber fror er noch ein paar Minuten vor der Tür, als das die Menschen um ihn ins Naserümpfen kämen.
Seit Tagen freute sich Otto schon auf den Besuch bei seinem Metzger. Auch wenn man es ihm nicht auf den ersten Blick ansah – Otto war ein in die Breite gegangener, flapsig wirkender Mittvierziger – so war er doch ein Romantiker. Nicht derart Romantiker, die dem Sonnenuntergang an einem Spätsommerabend einsam am Strand genießen, ihre Aufmerksamkeit auf die langsam schwindende Sonne gelenkt, begleitet vom Säuseln des Meeres, dessen Melodie längst in den Atemrhythmus des Betrachters übergegangen war, der verwegen an einem morschen Baumstumpf gelehnt, seine nackten Füße in den feuchten Sand vergräbt. Nein nein, auf gar keinen Fall dieser Art Romantiker – Otto war ein Fleischromantiker. Und so verträumt war auch sein Blick durch das Schaufenster, hinein in den Metzgerladen seines Vertrauens, während er vor der Tür noch ausdünstete. 

Über mehrere Meter Breite erstreckte sich parallel zur Verkaufstheke im Rücken des Metzgermeisters das Prunkstück, das Herzstück, der Altar der gereiften Diamanten. Nichts und niemand vermag rotes Fleisch zu solch einer geschmacklichen Kostbarkeit zu transformieren, wie optimale Luftfeuchtigkeit und Raumtemperatur im Dry-Ager, gelegt in die Hand der Zeit, um Milchsäurebakterien, im fleischigen Gewebe beheimatet, die Möglichkeit zu geben, den pH-Wert zu senken und das Fleisch auf den Punkt in den perfekten Reifezustand zu versetzen. Auf dass diese Gourmandise die Gaumen entzücken – so der Metzger, wenn man ihn danach fragte. Ganze Rinderrücken samt Knochen hingen hier, teils Wochen, an fetten, eisernen Ketten, die sich am Rückenmark entlang wanden und sich in der metallisch glänzenden Ablage schlangenhaft zu einem Knäuel kringelten. Dort, wo in Rindertalg gegossene, dick, in weiß-wachsiger Schicht eingepackte Filets in schweren Schalen ruhten, sich akkurat geschnittene T-Bone-Steaks, NY-Cuts und Tomahawks rubinrot leuchtend, durchzogen von ihrer netzähnlichen Fettmaserung türmten und auf ihre Vorbesteller warteten. Jene, die sich schmachtend und schmatzend vor der Ladentheke oder wie Otto, vor dem Schaufenster versammelten. Hier lagen und hingen Entrecôtes, Roastbeefs und Filets ganzer Rinderherden, um ihren fleischigen Eigengeschmack zu intensivieren, markiert und beschriftet mit durchs Fleisch getriebenen Haken, an dem Etiketten klebten, die an Totenmarken erinnerten. 

Die Türglocke des Metzgerladens hatte schon mehrfach schrill geläutet, als Otto, noch immer vor dem Schaufenster stehend, aus einer Laune der Natur heraus an eine Begebenheit denken musste, die ihm erst kürzlich in seinem Lieblingswirtshaus widerfahren war. Der Gedanke daran piekste ihn schon seit Tagen unterbewusst, wie ein kleiner hölzerner Splitter im Finger, den man immer dann spürte, wenn man sich daran gestoßen hatte. 

Wie so oft saß er an diesem Tag am Stammtisch des Wirtshauses ganz in der Nähe der großen Bar. Der Tisch, massiv aus schwerer Eiche gearbeitet, von den Jahren unter Einfluss von Bierkrügen, Tellern und Besteck gezeichnet, bot Platz für acht Gäste. Der gesamte Raum war in dunklen Brauntönen gehalten. Die Atmosphäre hatte durch die vereinzelt mit Tannengrün behangenen Lampen und Lichterketten, die die Barverkleidung zierten, den schneeverzierten Fenstern und den dicken, roten Kerzen aus Wachs auf den Tischen, die im Luftzug der Gespräche flackerten und knisterten, etwas herzliches, muggeliches, ja beinahe heimeliges. Vor allem weil es Draußen seit Tagen frostig vor sich hin graute. 

Ein mit Soßenresten beschmierter Teller seines gerade vertilgten Schweinebratens stand noch vor Otto. Bei genauerer Betrachtung konnte man den letzten Soßenstrich und die Struktur des Knödels noch ausmachen. Ein Faden Sauerkraut trocknete gemächlich, vom Tellerrand hängend, vor sich hin. Genießerische Zufriedenheit umgab ihn und eine Nachmittagsträgheit begann ihn allmählich einzulullen, wie ein hypnotisierendes Säuseln in seinen Ohren. Seine Halbe neigte sich dem Ende. Feste Bierschaumreste hatten sich in Gänze über die Glasinnenseite gelegt. Nur noch im unteren Bereich dümpelte eine kleine Pfütze der gelben, berauschenden Flüssigkeit, die er sich hat stehen lassen, für den Fall, ihm bliebe ein Stück Kloß im Halse stecken. Es war recht ruhig im Wirtshaus, trotz der bereits vorangeschrittenen Mittagszeit. Aber das störte Otto nicht, ganz im Gegenteil. Außer ihm saß noch ein unscheinbarer älterer Herr am Tisch und seit wenigen Minuten auch zwei Mittdreißiger in Karohemden und bunten Chinos. Mittlerweile lassen die auch alles an den Stammtisch, dachte Otto noch bei sich, wie sich die beiden mit einem “Servus” die Stühle zurechtrückten. Er sei ja gar nicht oberflächlich, nein, das weise er mit Nachdruck zurück, hatte er erst neulich zu seiner Tante in einer ähnlichen Chino-Situation gesagt. Aber diese Typen erfüllen einfach zu häufig die bestehenden Klischees. 

Er wettete mit sich, auch diese beiden würden nach und nach den Steckbrief dieser ganz speziellen Baureihe Mensch erfüllen, als hätte man sie aus einer Schublade gezogen. Darum gab es von Otto auch nur ein flüchtiges “Servus” in die Richtungder beiden, mehr noch in die Richtung seines Doppelkinns, ohne seinen Kopf sichtbar zu heben. Otto bestellte sich noch eine Halbe, die schneller eintraf, als er gucken konnte. Er lächelte seinem Bier zu und nahm zufrieden einen kräftigen Schluck.  Der ältere, unscheinbare Herr las während der ganzen Zeit unbeirrt in seiner Tageszeitung. Hin und wieder räusperte er sich geräuschvoll, was Ottos Aufmerksamkeit auf seine Person lenkte, ihn selbst aber keinen Anlass gab, den Blick von seiner Lektüre zu heben. Otto wandte seinen Blick von dem Alten ab und schaute an den zwei Chinos vorbei in Richtung Tür. Vielmehr tat er nur so, während er die beiden so dezent wie möglich beobachtete.  Schon ihre reine Anwesenheit ließ ihn ermüden, worüber er eine nicht ganz zuzuordnende Gereiztheit verspürte. Weshalb genau, wusste er wahrlich nicht. Vielleicht waren es tatsächlich nur die Hosen, die nur bis zu den Knöcheln reichten. Und diese unsagbar hässlichen Segelschuhe. Otto schüttelte sich innerlich. Ein paar Gesprächsfetzen bekam er unwillkürlich mit. Grundsätzlich ist auch das eine hervorzuhebende und im höchsten Maße unangenehme Eigenschaft von derlei Menschen: Sofort lauter sprechen zu müssen, gibt es etwas, womit auf die Kacke gehauen werden kann, um seinem Umfeld vermeintlich zu imponieren. Völlig ungeachtet dessen, ob es allen anderen eventuell völlig am Arsch vorbeigehen könnte, was in deren Leben alles so passierte, oder eben nicht passierte, dachte Otto mürrisch, seinen Mund hin- und herschiebend, das Glas fest im Griff.

Im Gespräch der beiden ging es um das bevorstehende Weihnachtsessen der Familien. Dabei war erst Anfang November. Aber na gut, dachte Otto weiter, einen kräftigen Schluck von seinem Bier nehmend. Dann ist ihnen zumindest am Essen etwas gelegen. “Meine Frau sprach neulich von der Liste an Vorbestellungen, die wir zu tätigen hätten, damit auch zu Weihnachten alles ausreichend da sei.”, sprach die orangene Chino nun zur Blauen. “Das hat sie wohl von ihrer Mutter. Ossi-Kind. Die hatten ja lange nichts. Oder Nüschts – wie die so schön sagen.”, setzte die orangene Chino nach und kicherte, als würde ein Pferd wiehern.  “Ob das jetzt so schön ist, sei mal dahingestellt.“, grinste nun auch die blaue Chino dumpfbackig, griff dabei zu seiner Neige Bier, die noch im Glas abstand, und stieß großherzig mit seinem Kompanion an.   Die beiden hatten sich gerade wieder beruhigt, als der ältere Herr seine Tageszeitung akkurat zusammen faltete und maximal geräuschvoll neben sich auf den freien Stuhl fallen ließ.

Er bestellte bei der Kellnerin, die gerade vorbeizuschweben schien, noch ein Helles. “Und für die beiden Herren hier wohl gleich mit, oder?”, rief er ihr noch hinterher. Sein Blick bewegte sich allmählich in Richtung der beiden Chinos. “Das ist ja nicht mit anzuschauen, wie sie sich hier mit ihrem Noagerl abmühen. Erst nur einen Schnitt bestellen und dann auch noch daran rumnuckeln, wie an einem Milchschaumkaffee vor einer Espressobar. Es gibt hier eine gewisse Stammtischehre, meine Herrschaften.” Der Blick des Alten war nun auf die beiden geheftet. Ein fester, energischer Blick, der sich binnen Sekunden in einen gutherzigen, fast väterlichen Gesichtsausdruck wandelte. Eine gewisse Feinfühligkeit wich seiner ernsten Miene. Die beiden Herren nickten etwas eingeschüchtert, schauten sich an wie Wilhelm Busch’s Max und Moritz auf der Flucht vor Witwe Bolte und grinsten etwas belämmert. Scheinbar wollten sie kein weiteres Bier. Aber das konnte Mann jetzt auch nicht auf sich sitzen lassen. Der eine fuhr sich über sein glattrasiertes Kinn, während der andere sein pomadiertes Haar zurecht rückte. Eher tätschelnd vergewissernd, dass alles noch saß, wie es sollte. Die blaue Chino bestellte bestätigend “3 Bier!”, in einem spürbar aufgesetzt tiefen Bariton. Eine angenehme Stille umgab nun den Tisch, wie Otto empfand. 

Der ältere Herr begann sich wieder zu räuspern, als die bestellten Biere auf dem Bierdeckel gelandet waren, nahm einen kräftigen Schluck und wischte sich mit dem rechten Handrücken den frischen Bierschaum aus seinem grauen Schnauzer. Wieder räusperte er sich.

“Der Schnee fiel zaghaft an diesem Tag auf die Berliner Straße, an der Ecke zur Kurt-Schuhmacher. Ich wohnte damals noch in Leipzig. Eine Trambahn vom Hauptbahnhof kommend, den man als Silhouette im Hintergrund deutlich wahrnehmen konnte, schrillte Alarm, als sie sich knarzend über die vereisten Gleise schob. Eine Horde Kinder samt Schlitten hatte sich durch den Schnee in ihre Richtung bewegt. Der Fahrer hob drohend seinen Arm und schaute finster unter seiner Schiebermütze hervor, die er sich weit ins Gesicht gezogen hatte. Sein breiter Schnauzer untermalte die in Zorn gelegte Mundpartie. Der Kragen seines Lodenmantels stand auf, um ihn vor Wind und Kälte zu schützen.”, begann der ältere Herr am Tisch unvermittelt zu erzählen. Seine Stimme klang weich und fest zugleich. Er sprach genau und pointiert. Alle am Tisch hörten ihm, wie einer unausgesprochenen Aufforderung nachkommend, zu. Auch die Wirtshausbedienung hielt für einen Moment inne, ein Tablett mit Zwetschgenröster, Apfelkompott und kleinen Gabeln für einen Kaiserschmarrn in ihrer Hand. 

“Wer konnte es ihm verübeln. Es war ein frostiger Weihnachtsmorgen und er musste im Führerhaus einer Trambahn stehen.”, fuhr er fort, die faltigen Hände übersät mit kleinen hellbraunen Flecken, reibend, auf dem Tisch von sich gestreckt. Sie gaben ein seltsames Geräusch ab, wie es nur Haut macht, wenn sie aneinander gerieben wird. Alte Haut. Der Blick, auf die Mitte des Tisches gerichtet, schien weit weg zu sein. Weniger räumlich als fern in der Zeit.

“Ich sollte damals noch ein paar Tauben vom Ignaz holen. Das waren jetzt nicht zwingend die besten der Stadt, wie meine Mutter nicht müde wurde zu erklären, als sie mir das Geld dafür in einem Umschlag in die Hand drückte, aber doch immerhin die Besten von den Züchtern, die jetzt noch welche hatten. Weihnachten stand ja vor der Tür. Meine Schwester lebte damals schon ein Jahr lang in Berlin – wegen eines jungen Mannes – hatte sich allerdings kurzfristig noch zum Weihnachtsessen angemeldet. Samt der Monika, ihrer besten Freundin damals. Die Monika hätte eigentlich nach Oberstdorf gemusst, aber die Mitarbeiter der Deutschen Bundesbahn hatten am Schalter schon abgewunken. Auf Grund von massiven Schneeverwehungen gebe es da bis Anfang Januar wohl nur schwer bis gar kein Durchkommen. Man käme mit dem Freischaufeln der Gleise kaum noch hinterher, hieß es seitens der Billetverkäufer. So war also ich auserkoren worden, für den Spontanbesuch der beiden Damen noch schnell zwei Vögel vor dem Weihnachtsfest zu besorgen. Dabei war ich an diesem Tag noch zum Rodeln verabredet. Das weiß ich noch recht genau. Mit Witteckers Erich – mein Bester damals. Ich war wohl 11 oder 12 Jahre – ach was hatten wir eine schöne Zeit. Aber zurück zur Geschichte. Wo war ich stehen geblieben?”

Die beiden Herrschaften in ihren bunten Chinos schauten einander immer wieder verdutzt an. Keiner wusste so recht, warum der Alte das Reden angefangen hatte. Man trank gerade noch eine entspannte Halbe und sprach über Essen und wie einfach man doch glücklicherweise heutzutage an alles herankommt. “Stimmt, da war ich!. Da wollt’ ich hin!”, setzte der alte Herr wieder an. “Ich wollte euch mit einem Schwank aus meiner Jugend vertraut machen. Was ihr für Glückspilze seid. Pah! Das lief bei uns noch anders damals. Wie ich zu meiner Jugendzeit zum Fleischholen musste, ging es nicht einfach ab in den Supermarkt. Taube sollte es zu Weihnachten geben, genau! Zwei wundervolle Exemplare lagen schon gerupft und ausgenommen daheim im kühlen Keller und warteten auf ihre Zubereitung durch meine Mutter, während ich nochmal los stapfen musste. Zum Ignaz. Wir wohnten damals in Schleußig und ich hatte also einen Fußmarsch von über einer Stunde vor mir. Auch, wenn der große Wiederaufbau schon einige Jahre im Gange war, war überall auf meinem Weg noch immer die rohe Zerstörungswut des Krieges zu sehen. Häuser, wie nackte Skelette aus Stahl und Beton, das Mauerwerk dem Verfall überlassen. Straßenzüge, in denen ganze Häuser fehlten und an Milchzahngebisse von Erstklässlern erinnerten, die übertrieben grinsten. Die Wunden des Krieges waren noch deutlich zu sehen und begannen erst allmählich zu vernarben. Linden und Eschen, vom eisigen Winter ganz kahl, wuchsen aus den Ruinen heraus, dort wo einst Lebensmittel feilgeboten, Handwerk betrieben wurde und sich Mädchen und Jungen eine friedvolle Zukunft ausgemalt hatten, während die Mutter über ihnen im Stuhl sitzend ihre Socken stopfte. Fensterläden hingen, die Farbe des zerborsteten Holzes, spröde blätternd, abwärts an rostigen Scharnieren und eiserne Tore lagen, ihrer Aufgabe entbunden, angelehnt an Mauern, deren Putz spröde bröckelnd die blanken Ziegel freigab. Ignaz lebte in einem kleinen Haus, das in den Kriegsjahren wie durch ein Wunder beinahe gänzlich verschont geblieben war. Der Putz fiel zwar schon von den Wänden und hier und da war über weite Flächen der Fassade das nackte Mauerwerk zu sehen. Doch das Haus war bewohnbar, wenn es auch von außen kein trautes Heim zu sein schien. In den Ecken der kleinen Fenster stand der Schmutz Daumendick. Keinerlei Gardine verdeckte die Sicht in das dunkle Innere. Es wirkte damals kühl und abweisend auf mich. Charakterzüge, die man eher der menschlichen Natur zuschreibt, aber ein Haus ist ja auch immer etwas, das sein Inneres nach Außen widerspiegelt. Ich sträubte mich ein wenig, als ich alleine vor der Tür stand, konnte mir aber keinen vernünftigen Grund finden, den Taubenkauf an dieser Stelle erklärbar abzubrechen. Ich klopfte also an die Tür und blieb, den Atem in Erwartung angehalten, davor stehen. Sekunden verstrichen. Ich klopfte erneut. Nach einer Weile – in mir hatte schon die Hoffnung gekeimt, unverrichteter Dinge zu entkommen – öffnete mir eine ältere Frau mit Kopftuch und einer geblümten Kittelschürze aus Dederon die Tür. Sie schaute mich beinahe angewidert an und drehte, mich kurz und knapp von oben nach unten gemustert, direkt wieder ab. Die Tür ließ sie einen kleinen Spalt offen. Mich verwirrt davor stehen.“ „Warme Luftmassen überfielen mich durch den Türspalt, gerade so, als würde alle warme Luft die Chance ergreifen, aus diesem kühlen Ort zu fliehen. Ignaaaaaaz!”, donnerte es durch das Haus, sodass die dünnen Fenster fast ins Klirren kamen und drohten aus ihrem hölzernen Raster zu fallen. Ruhe kehrte zurück. Äste eines jungen Baumes stachelten und kratzten, vom Wind getrieben, an einem Fenster, das über mir lag. Auf dem Bürgersteig liefen vereinzelt Menschen, dick eingehüllt und mit sich und den Temperaturen beschäftigt, und stießen dicke, weiße Wolken aus ihren Mündern in den frostigen Himmel. Nach einer Weile hörte ich knarrende Treppenstufen und knarzende Dielen aus dem Inneren des Hauses. Das Knarzen und Knarren wurde lauter und wenige Augenblicke später stand er vor mir. Der Taubenmann, Ignaz. Ich wusste zum Glück, wie er aussah. War ich doch zu diesem Zeitpunkt mit meinem Vater schon das ein oder andere Mal hier gewesen, um Tauben oder auch mal ein paar Kaninchen abzuholen, die er neben den Tauben für Felle und zum Verzehr züchtete.“

„Ignaz trug eine dicke Jacke, der Kragen mit Kaninchenfell ausstaffiert. Ich erinnerte mich daran, dass sich mein Vater immer über ihn lustig gemacht hatte, wenn wir von ihm kamen, unter dem Arm ein paar Tauben. Seine Frisur, sofern man davon als solche sprechen konnte, entbehrte jedweder Form. So, wie sein Haar wuchs, so schien es liegen geblieben. Es war dicht und glänzend und lag, dem Fell eines Kaninchens sehr ähnlich, in eine Richtung, ganz dicht und glatt, auf seinem Kopf. Dazu unterhielt er einen dünnen Schnauzer über der noch dünneren Oberlippe. In seinem Gesicht lag der Ausdruck eines 11 jährigen Jungen, der soeben der strengen Hand seiner Mutter entflohen war. “Entschuldigen Sie bitte die Störung.”, holperte ich heraus, die Mütze geschwind abgenommen und mit der rechten Hand an die Brust gedrückt. “Ich komme vom Hammerschmidt Willy und soll bitte nach 2 Tauben fragen, Herr….” “Tauben, aha. Na, wenn das so ist -” Er hielt kurz inne. “- dann sollen es wohl noch zwei Tauben werden.”, schnaufte er mehr, als das er sprach. “Von wem kommst du? Vom Hammerschmidt Willy kommst du? Aha! Wie geht’s dem alten Halunken? Bist sein Sohn, he? Aha. Hab’ dich doch schon mal gesehen, mit ihm. War lange nicht mehr da, dein alter Herr. Wie geht’s dem Willy?” Die Fragen prasselten auf mich ein, wie Hagel auf Wellblech und ich hätte mich am liebsten in einer Ecke in Deckung davor begeben. Ich erwiderte nur: “Ja, ja gut, Danke.”, in meinem freundlichsten und höflichsten Ton.  Worauf er geflissentlich nickte, noch immer im Türrahmen stehend. “Grüße soll ich Ihnen ausrichten, Herr,….” “Danke Danke!” Ich musste mit erschrecken feststellen, dass mir sein Nachname abhandengekommen war. Er zog die alte, hölzerne Eingangstür hinter sich zu. Blaue Farbe, trocken blättrig, wie Rinde einer alten Eiche, rieselte auf den Boden, als die Tür ins Schloss fiel. 
Ich ließ Ignaz ein paar Schritte voran gehen. 
“Zwei Tauben, aha!? Das fällt ihm aber reichlich spät ein, oder?”
Ich wartete einen kurzen Moment, in der Annahme, es würde wieder Fragen hageln.
„Ja, meine Schwester kommt spontan zu Besuch. Zu zweit.”, erwiderte ich kurz und knapp. “Hat sie geheiratet, deine Schwester? Gar nicht mitbekommen. Man bekommt ja wirklich gar nichts mehr mit. Naja, man sieht sich auch nicht mehr. Hab’ deinen alten Herrn schon länger nicht gesehen, aber das hatte ich ja schon. Ach was soll’s!”, gab Ignaz zurück.
“Nein, Nein – sie bringt eine Freundin mit – aus Berlin.” 
“Ein Frauenzimmer? Aha!”, fuhr er nun plötzlich energisch herum. “Ach dieset Berlin! Mensch, da muss es zujehn!” Er lachte laut auf und schlug dabei den Kopf ruckartig in seinen Nacken. Ich erschrak und hielt für einen Moment inne.
Mit dieser Aussage wusste ich offen gestanden damals nicht so recht etwas anzufangen.

Endlich waren wir am Taubenschlag angekommen. Genauer standen wir vor einem baufälligen, alten Waschhaus, das im Hinterhof des Haupthauses lag. Es war für Ignazs Taubenzucht hergerichtet worden. Eine große Plätte, einst Bestandteil des Waschhauses, stand demontiert vor einer Mauer, die zum Nachbargrundstück angrenzte und den Innenhof, auf der von uns linken Seite, abschloss.
Das nächste, was ich wahrnahm, war Taubenscheiße. In einem Radius von drei Metern um den Taubenschlag herum war der Boden bedeckt damit. Der Schnee hatte es im Hof nur zu einer dünnen Decke gebracht, durch die die Blau- und Grautöne der Scheiße facettenreich hindurchschimmerten. 
Die Front des Verschlags bestand aus feinem Maschendraht und war aus altem Holz gezimmert. Eine weiße Feder fiel, einer Schneeflocke gleich, auf einen meiner Stiefel und blieb dort geräuschlos liegen. Ich beobachtete einen Augenblick, wie sie sich im Wind leicht hin und her wog, als würde sie abwägen, dort zu ruhen. Bis sie sich kurzerhand entschloss, sich auf dem Boden, neben ein paar anderen Federn, niederzulassen. Von der Straße her vernahm man kaum mehr Geräusche. Hin und wieder ein leises tock-tock, tock-tock, tock-tock, das von den Trambahnen, die über die Gleisschwellen holperten, zu uns durchdrang. Nur das Gurren der Tauben umgab uns noch. Ignaz wirkte für einen Moment wie paralysiert. Als hätte das Gurren einen beruhigenden Einfluss auf ihn. Zufriedenheit und Entspannung legten sich wie eine dünne Maske über sein Gesicht.

Wie aus dem Nichts kamen plötzlich zwei Tauben auf uns zugeschossen, flogen knapp über unsere Köpfe hinweg und gesellten sich dann gurrend zu uns. Kopfnickend drehten sie eine kleine Runde um Ignaz´ Füße. Ich selbst trat etwas unruhig zur Seite.
“Angst, Kleiner? Aha!”
“Da haben wir euch Schlawiner also. Mal wieder ausgebüchst, ihr beiden?”, sprach er zu den beiden Tauben. Sein Ton hatte etwas Fürsorgliches, Warmes bekommen, als er direkt zu den Tauben sprach. Ganz so, wie man zu Kindern spricht oder zu seinem Haustier.
“Die beiden sind die Allerschlimmsten. Lassen wirklich keine Gelegenheit aus, um abzuhauen, nur um dann bei der nächstbesten Gelegenheit wieder hineingelassen zu werden. Ich sag ja, diese Schlawiner!” Den Blick auf die Tauben gerichtet, sprach er nun wieder zu mir, was ich seinem veränderten Tonfall entnehmen konnte:
“Keine Angst, euch bekommt er nicht!” 
“Die bekommst du auf gar keinen Fall! He he!” sprach er nun jetzt deutlich wieder zu mir.  “Das sind meine Liebsten, auch wenn sie mir die meiste Arbeit machen, diese beiden! Richtige Turteltauben sind das.” Er lachte ein schwachsinniges Lachen, bei dem er wieder seinen Kopf in den Nacken krachen ließ. Wieder erschrak ich. 
“Zwei waren es, aha?”
Ich nickte. Was er leider nicht sah, da er mit dem Rücken zu mir stand, seinen Blick starr auf die Turteltauben geheftet.
Er drehte sich zu mir, ohne mir ins Gesicht zu blicken. Ich nickte nochmals deutlich. 
“Auf den Mund gefallen, was? He, he!”
Ich ließ auch diesen Kommentar ohne Gegenwehr über mich ergehen.
Ignaz nahm sich ein paar Gerstenkörner und etwas Mais aus einem kleinen Eimer, der neben dem Taubenschlag an einem Haken hing, öffnete die mit Maschendraht bezogene Holzkonstruktion, die die Tür darstellte, und ging hinein. Er nickte freundlich in die Runde, als betrete er in diesem Moment den Warteraum einer Arztpraxis.

Gurrend stürzten sich die Tauben auf das Futter, das Ignaz nun breit im ganzen Schlag und in den Näpfen verteilte. Keine von ihnen schien zu ahnen, dass eine Dezimierung ihres Bestandes unmittelbar bevorstand. Federn flogen durch die Lüfte, Flügel schob sich an Flügel. Am Maschendraht an der Tür ging es zu, wie auf einem Jahrmarkt. Schnäbel hackten Körner, hackten an Körnern vorbei in den kargen Boden und in das Geflecht des Zauns.
Mit beiden Händen, die Finger hinter den Beinen der Tauben zusammengeschlagen, trug Ignaz zunächste die eine, dann die andere Taube in eine kleine Kammer, nur  ein paar Meter vom Taubenschlag entfernt. Mit gesenktem Kopf schloss er die Tür hinter sich, irgendetwas in Richtung der Tauben murmelnd. Vereinzelt gurte es noch aus dem Taubenschlag und hier und da suchte man noch tapsend und pickend Körner in den Bodenritzen. Andere flogen noch ein paar mal auf und ab, bis sie wieder zur anfänglichen Ruhe zurückkehrten. 

Das sanfte Gurren drang nun wieder durch den Maschendrahtzaun zu mir hindurch und versetzte mich in eine Art Trance, während der ich einsamen Federn dabei zusah, wie sie am Zaun entlang den Weg nach unten suchten. Beinahe stolpernd von Masche zu Masche fielen, kurz innehaltend, bevor sie auf dem Boden ihr Ziel erreichten. Auch ich fühlte mich bald wie eingebettet in weiche Federn, beruhigt durch das rhythmische Gurren. Selbst der Wind schien für Momente weniger garstig und kalt zu wehen.
In rosafarbenes Metzgerpapier gewickelt bekam ich die beiden toten Tauben wortlos in die Hand gedrückt. Ich erinnere mich noch ganz gut. Das Papier war noch warm. Im Kontrast zu den frostigen Außentemperaturen wirkte das Päckchen beinahe heiß. Es war kein schönes Gefühl, diese toten Tauben in meiner Hand zu halten. Eine unangenehme Scham nahm mich gefangen. Das dringende Bedürfnis, mich bei ihren Artgenossen zu entschuldigen, nahm meine Gedanken ein und ließ mich einen Moment schwanken. Doch was sollte das nun noch bringen, fuhr es durch mich. Zwei ihrer Artgenossen hatte ich für mich und meine Familie töten lassen. Daran gab es nun nichts mehr zu ändern. Eine Entschuldigung, vollkommen absurd, wäre doch auch nur einseitige Gewissenserleichterung gewesen. 

Mir war durchaus bewusst, dass das, was getan wurde, getan werden musste, damit meine Mutter uns ein Weihnachtsessen zubereiten konnte. Doch war mir die Verbindung zwischen Tot und Teller bislang nie so nackt in der Hand gelegen, wie in diesem Augenblick. Mir wurde etwas schwindlig. Ich stand noch immer auf den ungeraden roten Ziegeln im Hof, die nun, da wo der Schnee um meine Stiefel herum getaut war, zum Vorschein kamen. Eine dünne Flüssigkeit kroch träge aus dem Papier und tropfte rosafarben in den weißen Schnee. “Fröhliche Weihnachten und viele Grüße an den Herrn Papa!”, rief Ignaz mir noch freundlich zu, wie er den Weg, den wir gekommen waren, schon wieder entschwand.
Am Abend darauf waren die Tauben dann servierfertig auf dem Tisch gelandet. Ich entsinne mich noch deutlich, dass ich das Spektakel und die schiere Respektlosigkeit, mit der über diese Tiere, die sehr köstlich zubereitet und dargeboten wurden, hergegangen wurde, als sehr entwürdigend empfand. Sowohl für das Tier als auch für den Menschen. Das Nagen am Flügelknochen, das Knacken des Brustbeins, das Zermalmen des feinfaserigen Fleisches zwischen den Backenzähnen der essenden Gemeinschaft. Ich aß an diesem Tag nicht viel. Vor allem nicht vom Fleisch.”

Ein zarter Duft von frisch gebackenem Leberkäs und süßem Senf holte Otto jäh wieder ins Hier und Jetzt. Ein Mann kam ihm beim Betreten des Metzgerladens mit einem breiten Grinsen entgegen, in der Hand ein dickes Päckchen, gewickelt in rosafarbenes Metzgerpapier.

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